Das Füllwort „genau“ war lange der Platzhirsch. Jetzt hat es einen Nachfolger: „tatsächlich“. Drei Silben, die so unschuldig daherkommen – und sich doch schneller ausbreiten als Kopfläuse im Kindergarten. Kaum ein Gespräch, in dem nicht etwas „tatsächlich so“ oder „tatsächlich auffällig“ ist. Das SZ-Magazin schrieb schon 2022 von einem Modewort, das überall durchsickert – vom Business-Meeting bis in den Jugend-Slang. Zwei Jahre später legte die FAZ nach und diagnostizierte eine „unerklärliche Tatsächlich-Manie“. Spätestens da war klar: Das kleine Wort ist keine Randnotiz mehr, sondern ein Phänomen. Und eines, das mehr bedeutet als nur Nervfaktor. Denn jedes „tatsächlich“ erhebt stillschweigend einen Wahrheitsanspruch.
Die Logik des Tatsächlichen
Dass Wahrheit ein Abbild des Tatsächlichen sei, lernen Philosophiestudenten schon in der Einführung. Ludwig Wittgenstein formulierte es 1921 in seinem Tractatus logico-philosophicus: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Für ihn bestand die Welt aus Tatsachen – genauer: aus Sachverhalten, also Verbindungen von Dingen. Nicht die Dinge selbst machten die Welt aus, sondern ihre Beziehungen.
Gedanken, so Wittgenstein, sind Bilder solcher Tatsachen. Stimmen sie mit der Wirklichkeit überein, sind sie wahr. Stimmen sie nicht, sind sie falsch. Damit war das Tatsächliche zum Fundament erhoben – die Wirklichkeit als Summe überprüfbarer Fakten.

Die Konstruktion der Tatsachen
Ein Jahrhundert später zeigt sich: Das Fundament hat Risse. Die Wissenschaftstheorie hat die scheinbar unerschütterlichen Wahrheiten aufgeweicht. Tatsachen sind keine naturgegebenen Fakten. Sie entstehen durch Beobachtung – und Beobachtung ist nie neutral. Olaf Breidbach schrieb 1987 in Der Analogieschluß in den Naturwissenschaften oder Die Fiktion des Realen: Erfahrung und Daten sind Projektionen. Sie spiegeln die Strukturen, Modelle und Vorannahmen der Forschung – nicht eine nackte Realität.
Die „harten Fakten“ schrumpfen damit zu Konstrukten. Sie sind Ergebnisse, nicht Ursprünge. Was als „tatsächlich“ gilt, ist immer schon durch Regeln und Perspektiven gefiltert.
Die Leere des Füllworts
Genau hier kommt das alltägliche „tatsächlich“ ins Spiel. Wer es benutzt, signalisiert: Das Gesagte entspricht der Wirklichkeit. Doch wenn die Wirklichkeit selbst ein Konstrukt ist, entlarvt sich das Wort als Placebo. Die große Geste, die Sicherheit vorgaukelt – und gerade dadurch ihre Leere offenlegt.
„Tatsächlich“ ist die rhetorische Krücke, die Überzeugung simuliert, wo Argumente fehlen. Es will absichern und verrät dabei nur, dass etwas unsicher ist.
Mut zur Lücke
Wenn das Tatsächliche nur eine Fiktion ist, warum dann so tun, als wäre es die letzte Instanz? Ehrlicher wäre, das Füllwort beiseitezulassen. Die Lücke auszuhalten. Ein Moment Schweigen ist oft überzeugender als ein „tatsächlich“, das nichts trägt.
Sprache gewinnt nicht durch Dauerfloskeln. Sondern durch Präzision, Haltung – und manchmal durch den Mut, offen zu lassen, was nicht zu füllen ist.
Weiterlesen
Tobias Haberl: Warum sagen alle plötzlich „tatsächlich“? Süddeutsche Zeitung, 2022.
Uwe Marx: Tatsächlich schlimm. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2024.